Juni: Ein ganz besonderer Singvogel!

Ein winziger Einblick in Tübingens Natur und Umwelt

Es war wie fast jeder Tag. Ich saß für eine gute Zeit in der Bibliothek und las Texte. In diesem Fall glaube ich Philosophietexte, „Amartya Sen: Ökonomie für den Menschen“, eine Abhandlung zum Armutsbegriff im Bezug zur Gerechtigkeitsdebatte. Wenn man aber ungefähr 100 Seiten gelesen, auch wenn die Texte sich gut lesen ließen, braucht man eine Pause. In diesem Fall nutzte ich die Pause zum Laufen. Ich laufe meist um den in Tübingen liegenden Österberg, der besonders schön ist, da er zum Teil unbebaut ist und Wald und eine schöne Wiese beherbergt. Die Wiese wird zum Teil gemäht und zum Teil von Schafen abgegrast. Es handelt sich dabei um eine interessante Wiese, da man ganz gut den Lauf der Monate erkennen kann. So sind zurzeit nun neben den Fruchtständen des Bärenklaus, an denen sich der Stieglitz bedient, auch große Flecken an Skabiosen-Flockenblumen, Wiesenflockenblumen und Johanniskraut zu entdecken.

Am Fuße des Hügels fließen aber auch zwei kleine Flüsse Neckar und Ammer. Und gerade an der Ammer sah ich einen kleinen Vogel am Wasser sitzen. Als ich näher kam sah ich den Vogel auffliegen. Es handelte sich um einen kleinen Vogel mit weißer Kehle und sonst bräunlichen Federkleid. Nach seiner Statur ähnelt er einer Amsel ist aber um einiges kleiner. Es war eine Wasseramsel (Cinclus cinclus). Ich habe mich als ursprünglich Norddeutscher besonders gefreut, da die Wasseramsel in meiner Heimatstadt und ganz Norddeutschland nicht vorkommt. Besonders toll war es sie zu beobachten, wie sie kleine Insekten von den Steinen der Ammer frisst und hin und wieder einen kurzen Tauchgang durchs Wasser macht, um zum nächsten Stein zu gelangen. Genau so war es. Die Wasseramsel heißt nicht umsonst Wasseramsel, sondern sie ist ein ausgezeichneter Taucher unter den Singvögeln. Der Name Amsel jedoch ist verwirrend. Auch wenn die Wasseramsel an eine Amsel erinnert gehört sich doch zu einer eigenen Familie der Wasseramseln (Cinclidae) und nicht zu den Drosseln (Turdidae).

CC BY-SA 2.5, T. Kraft

CC BY-SA, T. Kraft

Eine weitere interessante Sache sind die speziellen Anpassungen der Wasseramsel an ihre Umwelt. So ist die Bürzeldrüse 6-10 mal größer als bei anderen Singvögeln vergleichbarer Größe. Durch das Sekret der Bürzeldrüse wird das Gefieder wasserabweisender. Sie besitzt aber auch eine gute Brustmuskulatur um Ruderbewegungen unter Wasser zu ermöglichen, sowie gute Sicht unterhalb und oberhalb des Wassers und vieles mehr.

Der Fund der Wasseramsel war aber auch nicht zufällig, da ich sie an einer revitalisierten Stelle der Ammer aufgefunden habe. Sie ist meist nicht in zubetonierten Bereichen des Flusses aufzufinden, sondern benötigt auch einzelne Steine die aus dem Wasser ragen und so Lebensraum für viele Insekten bietet. Cinclus cinclus brütet sehr nah an der Gewässerkante in kleinen Höhlungen. Die größte natürliche Gefährdung ist daher das Hochwasser.

Die Wasseramsel ist an vielen Bächen in Mittel und Süddeutschland zu finden. Vielleicht seht ihr sie auch und könnt sie bei ihrer spannenden Nahrungsaufnahme beobachten.

Viele Grüße von Hannes.

Literaturtipps:

  • Creutz, Gerhard: Die Wasseramsel, 1966.

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